Ich wache auf. Es ist mitten in der Nacht. Ganz sicher. Ist es die Stille, die irgendwie dichter scheint? Die Dunkelheit, die alles durchdringt? Vereinzelte Stimmen vor unserem Fenster. Einsame Straßenträumer und Nachtschwärmer auf ihrem Weg nach Hause. Das warme Kind in meinen Armen, der Mann schläft. Das Sommergewitter hallt nach. Es riecht nach Regen und Asphalt. Vier Wochen noch und ein paar Tage. Dazwischen Zeit und Meer und wir.
Ein Unwohlsein, das irgendwo zwischen Bauch und Kopf hängt. Es sitzt fest, kommt nicht weiter. Bleibt.
Rechts von mir die perfekte Sommerwiese. Bunt und wild und hoch. So stelle ich mir immer die Wiesen in Kirchblüt vor.
Der Mann auf dem Fahrrad mit den altmodischen Kniestrümpfen.
Beobachtungen, Gespräche, die nachhallen. Nur das Geräusch der
Kinderwagenräder auf Kies und meine Schritte. Stille und ein einsamer
Vogel. Durch den Nieselregen laufen und (trotz allem) eine Zuversicht
spüren, die da schon lange nicht war. Vielleicht noch nie.
Dieses alte Haus. Geschichten in jeder Ecke. Die knarzende Treppe, der
Weinberg vorm Fenster und dieses Familiengefühl, das ich mir immer so
vorgestellt habe. Barfuß über die schönen alten Kacheln in die riesige
Wohnküche, zusammensitzen, lachen, hier sein.
Es ist erst kurz nach 8 Uhr und wir haben schon gefrühstückt. Das alte kleine Dorf will erkundet werden. Am Fluß entlang, die Sonne im Rücken. Die Müdigkeit immer dabei, wie ein treuer Gefährte.
"Hier könnte ich gut schreiben" denken und eine Rückkehr planen.
Wie verloren ich damals durch die Straßen dieser Stadt gelaufen bin. Bei
jedem Wetter, jeder Uhrzeit. Laufen und laufen und rauchen. Immer
weiter laufen. Nur nicht stehen bleiben, nur nicht weinen. Niemandem zu
tief in die Augen schauen. // Es gibt kein Ankommen, hat K. gestern gesagt. Diese Sehnsucht, eine Illusion. Der Weg ist unser Leben, immer.
//
Es war einer dieser Momente, für die es kein Wort, nur ein Geräusch gibt.
"Das hat sich gerade nach Abschied angefühlt", das denke ich, als ich nur noch deine Jacke ganz oben auf der Treppe erkenne. Als würde ich nicht in die S-Bahn, sondern in einen Fernzug steigen. Als
würde ich nicht bloß ein paar Stunden, sondern Wochen oder sogar Monate
fort sein.
Wie wir da stehen, der leuchtende Abendhimmel über uns. Nicht sicher,
wann und wo wir uns wiedersehen werden. Blicke, die alles sagen sollen.
Berührungen, die alles versprechen. Die leisen Zweifel nur kurz
sichtbar, weil du die Füße so seltsam drehst. Weil ich einmal zu oft die eine Haarsträhne hinter mein linkes Ohr streiche. Ein viel zu warmer
Tag für Ende Oktober.
Ich hoffe, dass es diese Abschiede für uns nicht mehr geben wird.
Sie sitzt in der Mitte des Zimmers auf dem kleinen roten Sessel, den wir
damals auf dem Flohmarkt gefunden haben. Die ganze Wohnung ist leer und
groß und es hallt. Sie sitzt da und wartet, scheinbar. In Gedanken
versunken, nicht ganz da, fast fort. Vielleicht hört sie auch zu. All den
Geschichten, den Erinnerungen, die zwischen den alten schrägen Dielen
und der Stuckdecke hängen.