Wie verloren ich damals durch die Straßen dieser Stadt gelaufen bin. Bei
jedem Wetter, jeder Uhrzeit. Laufen und laufen und rauchen. Immer
weiter laufen. Nur nicht stehen bleiben, nur nicht weinen. Niemandem zu
tief in die Augen schauen.
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Es gibt kein Ankommen, hat K. gestern gesagt. Diese Sehnsucht, eine Illusion. Der Weg ist unser Leben, immer.
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Es war einer dieser Momente, für die es kein Wort, nur ein Geräusch gibt.
"Das hat sich gerade nach Abschied angefühlt", das denke ich, als ich nur noch deine Jacke ganz oben auf der Treppe erkenne. Als würde ich nicht in die S-Bahn, sondern in einen Fernzug steigen. Als
würde ich nicht bloß ein paar Stunden, sondern Wochen oder sogar Monate
fort sein.
Wie wir da stehen, der leuchtende Abendhimmel über uns. Nicht sicher,
wann und wo wir uns wiedersehen werden. Blicke, die alles sagen sollen.
Berührungen, die alles versprechen. Die leisen Zweifel nur kurz
sichtbar, weil du die Füße so seltsam drehst. Weil ich einmal zu oft die eine Haarsträhne hinter mein linkes Ohr streiche.
Ein viel zu warmer
Tag für Ende Oktober.
Ich hoffe, dass es diese Abschiede für uns nicht mehr geben wird.
Sie sitzt in der Mitte des Zimmers auf dem kleinen roten Sessel, den wir
damals auf dem Flohmarkt gefunden haben. Die ganze Wohnung ist leer und
groß und es hallt. Sie sitzt da und wartet, scheinbar. In Gedanken
versunken, nicht ganz da, fast fort. Vielleicht hört sie auch zu. All den
Geschichten, den Erinnerungen, die zwischen den alten schrägen Dielen
und der Stuckdecke hängen.
große Augen
eine winzige Brust
- der kleine Vogel in unserem Haus
unsichtbare Flügel flattern
so schnell, dass sie meinen Herz -
schlag ins stolpern bringen
11:55 Uhr
Da sitze ich und bewege mich nicht. Seit etwa einer halben Stunde starre ich nach draußen. Es ist stürmisch und die Bäume tanzen. Der Wind heult.
Radio hören, mehr geht nicht. Ich könnte es mir gemütlich machen. Ich könnte noch ein bisschen arbeiten. Ich könnte schreiben. Ich könnte noch ein paar Dinge vorbereiten und erledigen. Ich könnte Kuchen backen.
Aber ich kann nicht. Es geht nicht. Seltsamer Zwischenzustand. Das Warten füllt mich ganz aus, fordert meine ganze Konzentration. Noch nie habe ich so aktiv gewartet. Mein kleiner Finger wartet, mein Bauch, meine Oberlippe. Alles ist gespannt.
Es ist schwer in Worte zu fassen, was in mir vorgeht. Alles. Und Nichts. Gefühle von gestern, Erinnerungen, Trauer. Vorstellungen von morgen, Träume, Vorfreude.
Hier sitzen wir jetzt also, wir hören Nachrichten aus Berlin und sind ganz ruhig, ganz wild innen drin und wir warten auf dich!
es ist heiß, die luft steht
wir bewegen uns langsam
in der vor hitze flirrenden stadt
wir zählen tage und plötzlich sind sie da, diese sommerwochen, die so weit entfernt schienen
eiswürfel im glas, die hand auf dem bauch
für das, was ich beschreiben will, fehlen mir die worte
also schweige ich
das, was ich fühle, kann ich noch nicht greifen
also bin ich still
so viele gefühle und worte und du und ich und diese zukunft
die tage werden ruhiger, die atemzüge länger
kleine vorsichtige schritte und abendsonne vorm fenster
wir kommen an
ein bisschen
Es wird gelesen. Endlich wieder...
"Zwei Teilnehmer der Darmstädter Textwerkstatt lesen Lyrik und Prosa: Alicia Metz und Inge Hofmann.
Alicia Metz ist eine der Autorinnen, die am deutsch-türkischen Übersetzungsprojekt mitgewirkt und Gedichte von Gonca Özmen aus Istanbul übersetzt hat. Sie liest Prosaminiaturen und neue Gedichte. Prosa und Lyrik stellt auch Inge Hofmann vor, die literarische Räume erobert, in denen das Sprachlose zur Sprache gebracht wird – denn auch das Schweigen ist ein Text.
Die Lesebühne ist eine Veranstaltungsreihe der Darmstädter Textwerkstatt und stellt am jeweils ersten Mittwoch im Monat ab 19.30 Uhr im Literaturhaus, Kasinostraße 3, zwei Autoren mit ihren Arbeiten vor. Die Veranstaltung hat Werkstattcharakter und bietet neben der Präsentation den Diskurs."
Moderation: Martina Weber
Eintritt frei
Mehr Infomationen auf der Literaturhaus-Homepage.
ich kann mich noch ganz genau an diesen tag erinnern. daran, wie es gerochen hat, an den wechsel der jahreszeiten und an den warmen wind auf meiner haut. dieses gefühl im bauch. die stadt war ganz ruhig und ich bin einfach immer weiter gelaufen. vorbei an leeren balkonen, am tiergehege und über die brücke. ein blick zurück. die ersten sandalentage, fastschonsommergeruch. die freiheit so groß, der blick so weit.
wie sehr du fehlst.
wir haben es nicht besser gewusst, den langen rückweg nicht bedacht.
ein teil von uns ist noch dort, ein stück hier und den rest haben wir verloren, irgendwo dazwischen.
die sonne scheint mir ins gesicht und der kaffee ist so heiß, dass ich
mir zweimal die zunge verbrenne. ich bin angespannt, aufgeregt, voll bis
unter den scheitel; ich schaue in die gesichter der menschen, sehe mein spiegelbild
in den scheiben des ICEs richtung stuttgart. bin ich das? eine frau mit pony und koffer und kaffee, auf einem bahngleis in frankfurt, wartend.
ein paar mal bilde ich mir ein, ihr gesicht zu erkennen, aber erst fünf minuten später schält sie sich
tatsächlich aus der menge, wird wahrhaftig und läuft auf
mich zu.
der zug ist voll, literatur liegt in der luft. gespräche über bücher, lesende reisende.
vor dem fenster eine frühlingslandschaft. ein kind, das sich hinter einem auto versteckt. drei häuser, die absolut
identisch aussehen, hintereinander die straße hinauf. bäume, wiesen, wolken. zwischendurch siem, joni, wilbert, die bilder aus dieser grausamen, mitreißenden geschichte.
es ist hell, fast grell und sonnenflecken tanzen durch das abteil, über meine buchseiten.
dieses leben betrachten, das so weit entfernt ist und das sich trotzdem so gut anfühlt. ganz echt und nah.